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blumen ohne duft
[aus: was fehlt. z.b. rembertikreisel]
ob es richtiges leben im falschen gibt, ob es in verkorksten verhältnissen gute lösungen gibt, ist eine kaum
zu beantwortende frage. offenbar, denn die nach-68er-geschichte war nicht zuletzt der versuch einer
antwort; "gang durch die institutionen", willy-brandt-reformismus, der bei helmut schmidt endete, die story
der grünen – und wir wissen es immer noch nicht.
den rembertikreisel erhalten zu wollen, ist voller widersprüche; er ist aus der zerstörung eines stadtviertels
entstanden, einer zerstörung, die auf halber strecke liegengeblieben ist. autos durchfahren ein gebiet, das
nicht gerade ein park ist, eher eine zufallsgestaltung, eine durchkreuzung einer durchschnittlich
stadtgärtnerisch angelegten autobahndekoration.
vielleicht ist dieses widersprüchliche bedürfnis, den rembertikreisel erhalten zu wollen auch anzeichen des
kompliziert gewordenen verhältnisses zur "natursache". die natur-idyllen unserer vorabendserien, die im
urlaub vor ort besucht werden können, können nicht mehr als natur idealisiert werden. bis auf weiteres
entstehen natur(oder natürliche) gefühle in den nischen der gestaltung. denn das diffus-romantische
zusammengehörigkeitsgefühl, das manche wander/in im wald befiel, ist heute in seiner bedeutung weit
verschoben, wenn es nicht einfach nur zerfallen ist. vergessene + zufällige orte bedeuten da schon mehr:
der rembertikreisel wurde seit einiger zeit + bis zum kahlschlag im oktober von junkies genutzt. und auf
anderer ebene wiederholt sich hier das paradox: daß sich drogenbenutzer/innen auf ein öffentliches "loch"
zurückziehen müssen, das keine sanitären anlagen hat, nichts gegen regen + kälte schützendes, das
kann schwer als erhaltenswerte situation beschrieben werden. dennoch war es in einer sich für junkies in
bremen zuspitzenden situation ein stark aufgesuchter ort; zumindest keine ausgrenzung durch
privatbürgerliche zäune.so konnte der feindlichkeit der umgebung durch das benutzen eines ortes
entgangen werden, den sonst kaum jemand nutzt.
ob der rembertikreisel ein für die nutzer/innen haltbarer zustand war oder nicht: seine lichtung + das
"zeltverbot" haben die lage verschlimmert; verschlimmert in eine besonders katastrophalen art + weise:
nämlich als wenn es die junkies nicht mehr gäbe.
wohnraumvernichtung durch eigentum.
der städtische überfall findet vor dem hintergrund dessen statt, was den remberti-kreisel zu einer ruine
gemacht hat: seiner geschichte überspannter, künstlicher besitzvorstellungen aus den 60er jahren. die
grosse geste, die baufirmen einen ganzen stadtteil – lebensraum hat aufkaufen lassen + einer
synthetischen (im gegensatz zu gewachsenen) zukunft hat zuführen wollen. sixties: das ist nicht nur
flowerpower, drogen + liebe, sondern eine enorme vernichtungsbereitschaft von sozialem, ein asoziales
modernisierungs science-fiction.
dass es nicht in vollem ausmass dazu kam, verdankt sich derselben bürgerlichen widerstandsbewegung,
die formal heute in bremen an der administrative, inhaltlich aber auf allen ebenen abgewertet wird. das
beschreibt nicht nur die abwehr gegen linke positionen von konservativer seite aus, sondern die versuche
linksbürgerlicher organe (wie zb. der taz) sich vom linken image (in vorwegnehmendem gehorsam)
loszumanövrieren. dieser imageverlust hat folgen. es fehlt die gesellschaftliche kraft, soziale
gesichtspunkte zu formulieren. das wort "sozial" ist bereits abgewertet oder sinnleer.
für den bremer umgang mit drogen scheint aber "soziales" eine genau umrissene bedeutung zu haben:
jedenfalls als abwesendes: denn nur im zustand der betäubung des begriffes "sozial" ist es möglich, da§ in
bremen – wie jetzt wieder am rembertikreisel vertreibungsmassnahmen möglich sind ohne dass es eine
vertreibung "irgendwohin" gibt. die lösung eines problems in seine "auflösung" ist selbst für eine behörde
nur möglich, wenn dafür gewisse voraussetzungen gegeben sind:
drogenbenutzer/innen gehören nicht zum kanon bewusster bevölkerung. sie sind selbstschädlinge, stehen
explizit zwischen kranksein + kriminalität. sie sind besitzlos, auch in dem sinne, da§ sie nicht im besitze
ihres bewusstseins sind.
der krieg den drogen hat eine unklare randzone mit dem krieg gegen die drogennutzer/ innen.
"drogenabhängige" bilden das "schwarz" für das "weiss" der verschmelzung von gesund + vernunft. als
wenn es sie gäbe: klar, weiss + universalistisch. hier in der brd sind es alle, gesund + vernünftig, wenn sie
es explizt nicht nicht sind; dann sind sie psychisch krank oder kriminell, was ähnlich beurteilt wird. die
hemmungslose pathologie urserer wirklichkeit/normalität in verbogener/verhinderter sexualität, scheitern-
vorm-tv-gerät, alkoholismus etc. ist nichtsichtbar.
das problem der drogenabhängigen ist das feld, das zeigt, was das aufrechterhalten der idee der
subjektivität kostet: dass es gespaltene, zerstreute + nicht-ganz-beisich-seiende subjekte nur als
pathologie gibt. + während wir dem psychopathen genervt gegenüberstehen (kann er sich nicht
zusammennehmen) bis wir ihn endlich als "krank" in den mitleidsbereich bewegen können, tun wir uns bei
drogennutzer/innen schwerer: sie "müssen ja wirklich nicht tun was sie tun". und wir, was treibt uns, den
rest, in die psychoanalyse, in den wiederholungszwang der falschen beziehungen, zum aufrechterhalten
des falschen lebens etc.?
das aufzeigen von wechselwirkung zwischen den vorstellungen von krank + gesund, gutbürgerlich +
kriminell ist zwar möglich + auch bekannt (geradezu schon ein klischee), dennoch hat es nicht viel
("real"politisches) gewicht. die verbindung von rezession + neuen medizinisch-technologischen ideologien
("gesundheit" steht schwarz auf weiss geschrieben im genetischen code) greift diese position noch weiter
an.
"Die Gesundheitsversorgung wurde als Wirtschaftsgut entdeckt (...) Es ist nun die einfache Wahrheit, da8
eine maximale Versorgung aller mit allen . Gesundheitsgütern auch dem allgemeinen Wirtschaftsprinzip
der Güterknappheit unterliegt (...) Welche Patienten dürfen oder müssen wir abweisen? Sind es etwa die
Opfer selbstverschuldeter Krankheiten Drogenabhängige, Aidskranke, Trinker, Raucher, Kriminelle?
Behandlen wir bevorzugt Landsleute vor "Medizintouristen" oder richten wir uns nach dem "sozialen Wert"
des Patienten?"
(Professor Viefhues, in: gid 56 s.6)
S.g.
aus: "was fehlt. z.b. rembertikreisel"
eine beilage in der taz bremen am 4.12.1993 von BüroBert & minimal club
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