prima res

Der Takt der Stadtbahn und des Teppichklopfens wiegte mich in Schlaf. Er war die Mulde, in der sich meine Träume bildeten. Zuerst die ungestalten, die vielleicht vom Schwall des Wassers oder dem Geruch der Milch durchzogen waren, dann die langgesponnenen: Reise- und Regenträume. Der Frühling hißte hier die ersten Triebe vor einer grauen Rückfront; und wenn später im Jahr ein staubiges Laubdach tausendmal am Tag die Hauswand streifte, nahm das Schlürfen der Zweige mich in eine Lehre, der ich noch nicht gewachsen war. Denn alles wurde mir im Hof zum Wink. Wieviele Botschaften saßen nicht im Geplänkel grüner Rouleaux, die hochgezogen wurden, und wieviele Hiobsposten ließ ich klug im Poltern der Rolläden uneröffnet, die in der Dämmerung niederdonnerten. Im Hofe beschäftigte mich die Stelle, wo der Baum stand, am häufigsten. Sie war im Pflaster ausgespart, in das ein breiter Eisenring versenkt war. Stäbe durchzogen ihn so, daß sie das nackte Erdreich vergitterten. Es erschien mir nicht umsonst so eingefaßt; manchmal sann ich dem nach, was in der schwarzen Kute, aus der der Stamm kam, vorging. Später dehnte ich diese Grübeleien auf Droschkenhaltestellen aus. Deren Bäume wurzelten ähnlich, und die waren außerdem umzäunt [...]
W. Benjamin, Berliner Kindheit um neunzehnhundert

Anfänglich lernen wir die Welt kennen, indem wir sie ausprobieren. Der Bewegungsdrang unseres Körpers und unserer Phantasie vertraut sie uns an. Zu was die Dinge sich eigneten - wir erfuhren es einmal durch die Geschichten, die wir selber in ihnen sahen, die Erlebnisse intimer Art, die sie bezeugen konnten. Eine solche Aneignung von Umwelt, die zum grossen Teil öffentlich, offen ist, war, jemals war?, ist die Voraussetzung von Menschen, die sich in der Welt nicht bloß praktisch zurechtfinden, ihre gegenständliche Einrichtung eben nicht bloß als das nehmen müssen, was sie ist: auch, vielleicht vor allem, was sie sein könnte. Der Verlust an solcherart öffentlichen, offenen Räumen ist groß, wenn es mehr und mehr die Flächen sind, flimmernde und jährlich größer werdende Flächen, die die Welt dem Menschen und den Menschen der Welt zueignen, auf kleinem gemeinsamem Nenner sich treffen lassen. neues atelier 38 präsentiert eine Öffentliche Zurschaustellung im Privaten Raum: prima res Rauminstallation - Ein Versuch über allererste Raumerfahrungen, über die Berührung mit versandeten Erinnerungen und die (Un-) Möglichkeit einer Re-Imagination nichtreglementierter Aneignung.

Raumnahme und Eröffnung der Installation
Mo, 24.5. ab 19 Uhr mit i:wound (live): public sounds i:wound verarbeitet öffentliche Töne in der Tradition der musique concrete zu vielschichtigen Soundcollagen.
Öffnungszeiten Di-Do 16-19, Fr 18-22, Sa und So 14-18 Uhr
Adresse Am Dobben 38, Bremen-Ostertor Telefon (0421) 79 40 673

 
 

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