Die Kontrolle

Die Kontrolle der Worte
Glossar zur Sauberen Stadt
unkontolliert verstreut von
Christian Vähling (Loesje)


Bremen boomt wenn man sieht, was in der Innenstadt und nicht nur dort von der Stadt und von privaten Investoren gebaut wird.
Dieser Satz ist nicht unvollständig zitiert. Er steht genau so am Anfang der Aktionsbroschüre des Bausenats zur Sauberen Stadt. Entweder boomt Bremen also nur, wenn jemand die Baustellen anguckt, oder literarischer Weitwurf die durch den Halbsatz aufgestaute Erwartung soll Spannung erzeugen und im öffentlichen Raum schweben wie eine unausgesprochene Drohung.
Was hier noch als schlechtes Deutsch durchgeht, scheint anderswo Methode zu haben. Überall in der Saubere-Stadt-Rhetorik finden sich Ungereimtheiten, fehlgeleitete Redewendungen und glatte Unwahrheiten. Wer die Macht hat, gibt die Sprache vor, das kennen wir ja schon.
Der Autor dieser Zeilen ist kein Linguist. Er kann sich also nur tastend in das Gestrüpp wild wuchernder Wortgewächse hineinbegeben und auf den nächsten Seiten versuchen, mit einigem Wohlwollen etwas Ordnung in die Saubere Stadt und einige wenige ihrer Ableger und Auswüchse zu bringen.

Aktion Saubere Stadt
Sauberkeit ist eine schöne und allseits erwünschte Sache. Und seit der Gründung der Aktion Saubere Stadt auch eine institutionelle. Weil noch sauberer sicherlich auch noch schöner und noch erwünschter ist, sollen dabei neben Dreck und Müll noch etliche unsaubere Ausdrücke städtischen Lebens verschwinden.
Übrig bleiben nur Nestbeschmutzer wie die

Aktion Lebendige Stadt
Ein Aktionsbündnis von kulturellen und politischen Projekten, die sich bei einer rigorosen Säuberung auf der falschen Seite des Besens gefunden hätten, wies darauf hin, daß beim herkömmlichen Konzept der Sauberen Stadt das Lebendige, das doch zum städtischen Leben gehöre, ein wenig zu kurz käme. Die Kritik wurde prompt beherzigt und in den neuen Namen eingefügt:

Saubere Stadt lebendiges Bremen
Das ist natürlich ein Euphemismus, eine Beschönigung, und nicht mal eine hitverdächtige. Den Spitzenplatz hält nach wie vor Frankfurt mit Sicherheit, Sauberkeit, Sympathie.
Immerhin es reicht, um allseits Beifall zu erheischen, und so darf eine Hauspostille der Bremer Anzeigenkunden verkünden: Bremen wird glänzend sauber. (Bremer Anzeiger vom 16. Mai 98) Wie der Asphalt und die Grünanlagen der Bremer Innenstadt zum Glänzen gebracht werden sollen, steht dort leider nicht.

Die Kontrolle der Worte
Glossar zur Sauberen Stadt


Aktion Sicherheitsnetz
Ein gemeinsames Projekt von Ex-Minister Kanther und Noch-Senator Borttscheller. Letz-terer betonte in einer Presseerklärung: Ich sehe dies auch als aktiven Beitrag für die Aktion des Senats Saubere StadtÐ. (Pressemitteilung des Innensenats vom 5. Juni 98) In Erscheinung getreten ist die Aktion Sicherheitsnetz bislang vor allem durch das Aufstellen von mobilen Grünflächen hinter dem Hauptbahnhof.

City Crime Control
Die philosophische Grundlage der Aktion Sicherheitsnetz. Eine Entspannung der SicherheitslageÐ (Presseerklärung vom 5. Juni 1998) soll durch eine Anspannung der staatlichen und privaten Sicherheitsakteure (intensivÐ an der Entspannung arbeiten, heißt es da) bewirkt werden. Ziel ist es, u. a. beim Farbvandalismus die Kriminalität zu senkenÐ, indem die Krimi-nalität des Farbvandalismus (in legaleren Zeiten sagte man Graffiti) erstmal gesteigert wird, durch stärkeres Verfolgen und härtere Urteile. Yin haut Yang eins auf die Nase.

Verwahrlosung des öffentlichen Raumes
Der öffentliche Raum ist nicht so was wie ein Einkaufszentrum, auch wenn beider Wurzel im antiken Marktplatz liegt. Verwahrlosung des öffentlichen RaumsÐ ist deshalb auch kein neues Schimpfwort für einkaufende Punks.
Der öffentliche Raum ist vielmehr der Rahmen, in dem sich BürgerInnen an der politischen Meinungs- und Entscheidungsbildung beteiligen können. Wenn dieser Rahmen immer weniger von der Öffentlichkeit genutzt wird, können wir von einer Verwahrlosung des öffentlichen RaumesÐ sprechen. Innensenator Borttscheller bestätigt anhand einer Umfrage, daß die Bür-gerinnen und Bürger die Verwahrlosung des öffentlichen Raumes als abstoßend und als Bedrohung empfinden. (Pressemitteilung vom 5. Juni 98)

Babylonische Urangst
Keine Ahnung, was das sein soll. Aber man kriegt es, einem vom Innensenator in Auftrag gegebenen Gutachten des Amateurpsychologen Dr. Martin Schäfer zufolge, von zu vielen Graffiti. Näheres dazu in der letzten Zett.

Freie Meinungsäußerung
Das ist so was ähnliches wie freier Eintritt: Beide existieren nur, solange kein Geld dafür verlangt wird.

Herumfliegende Papierfetzen
Der Broschüre zur Sauberen Stadt zufolge sind das Plakate, die nicht auf den dafür vorgesehenen Flächen hängen und womöglich gratis aufgehängt wurden. Plakate an anderen Stellen werden entfernt. Dadurch wird der Eindruck herumfliegender Papierfetzen vermieden. Bei kostenfreudig geklebten Plakaten dagegen wird der Eindruck herumfliegender Papierfetzen durch Hängenlassen vermieden.

Sternmarsch
Klassische Form, den öffentlichen Raum für bürgerliche Anliegen zu nutzen. Anscheinend sind Sternmärsche zur Zeit etwas selten und kommen, wenn sie mal stattfinden, sogleich auf die Titelseiten der führenden Anzeigenblätter; zuletzt der Sternmarsch für SauberkeitÐ im Weser Report vom 24. März 99. Die Broschüre Saubere Stadt lobt ausdrücklich das bürger-liche Aufbegehren: Bremen hat eine lange Tradition, in der Bürger sich für ihre Stadt engagiert haben und engagieren. Die BürgerinitiativeÐ Stadtgrün, die den Sternmarsch organisiert hat, folgt diesem Motto auch manchmal ohne offensive Protestgebärden, denn außerdem ist Bremen in den letzten Wochen um 41000 Sommerblumen bunter geworden. (Presseerklärung des Bausenats, ohne Datum)
 
 

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